Als Native Speaker in Berlin

Als Native Speaker in Berlin
 

Virginie Demians, gebürtige Pariserin, brauchte nach zehn Jahren Arbeit als Schauspielerin einen Orts- und Berufswechsel und zog daraufhin nach Berlin. Nach einiger Zeit fing sie an, als französische Native Speakerin zu arbeiten und leiht ihre Stimme nun regelmäßig Werbespots, Telefonansagen und Audio Guides. Im Interview erzählt sie über ihre Erfahrungen als internationale Sprecherin in Berlin.

 
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Wie hast du mit dem Schauspielen angefangen?
 

Mit 17, als ich schon auf der Theaterschule war, habe ich an einer Talentshow für Schauspieler, Sänger und Tänzer teilgenommen. Ich habe mich selbst nicht angemeldet, sondern ein Freund brauchte noch eine Partnerin um ein Paar spielen zu können. Da habe ich dann mitgemacht und bin Woche für Woche weitergekommen. Das war eine große Sache damals. Dann bin ich bis zum Finale gekommen, wo ich dann gegen eine Frau verloren habe, die schon 36 war. Eigentlich ging es ja um junge Talente, das war also eine seltsame Entscheidung. Aber durch diese Castingshow habe ich Leute kennengelernt und sogar eine Agentin gehabt. Allerdings war ich etwas traumatisiert danach, für die Nerven war das wirklich extrem.

Warum hast du mit dem Schauspielen aufgehört?

Ich hatte immer die Überlegung, dass es im Leben noch etwas anderes als das Schauspielen geben muss, dieses ständige im Vordergrund stehen. Auf der einen Seite habe ich sehr gern gespielt, anderseits war ich sehr schüchtern, da gab es immer diesen Widerspruch. Das hat mich so viel Überwindung gekosten, bis ich zu dem Entschluss kam, eventuell aufzuhören. Vielleicht lag es auch an Paris, die Konkurrenz dort war sehr groß. Und dann bin ich vor 18 Jahren eben nach Berlin gekommen.

Hast du bereits in Frankreich als Sprecherin gearbeitet?

Ja, ich habe ab und zu ein wenig Synchronisation gemacht. Einmal habe ich mich sogar selbst synchronisiert, da ich eine Fernsehserie auf Englisch gedreht habe. Für France Culture habe ich außerdem noch Bücher gelesen. Als reine Sprecherin war das zu dem Zeitpunkt aber das Einzige.

War es dann schwierig in Berlin einen Fuß in die Tür zu bekommen?

Ich konnte anfangs nur wenig Deutsch, musste also erstmal die Sprache lernen. Anfangs habe ich noch bei Air France im Flughafen gearbeitet. Ich dachte damals, ich hätte mit dem Schauspiel und Sprechen komplett abgeschlossen. Eine Freundin von mir meinte dann aber ich solle mich mal bei einem bestimmten Studio melden, die hätten ein offenes Casting. Da bin dann hingegangen und einen Monat später habe ich meine erste Werbung eingesprochen. Dann kamen noch zwei, drei weitere solcher Jobs und ich dachte, toll. Dadurch hatte ich dann Demos.

Und dann kam der Rest von allein?

Nein, das nicht. Ein anderer Freund und Kollege hat mir noch sehr geholfen. Durch ihn habe ich angefangen, im Bereich Audioguide und Voice Over zu arbeiten. Das ist von der Werbung schon sehr verschieden. Er hat oft ein weibliches Pendant für seine Aufträge gebraucht und mich angefragt. Dann habe ich mich noch bei weiteren Sprecheragenturen angemeldet. Ich habe herausgefunden, dass mir die Arbeit Spaß macht, aber man muss sich dann schon reinhängen. Wenn ich selbst nicht daran gearbeitet hätte, wäre ich auch nicht weitergekommen, dann wäre es bei ein paar Werbejobs geblieben und fertig. Um als professioneller Sprecher zu arbeiten braucht man eine eigene Website, viel Marketing und sollte sich umhören, was die Sprecherkollegen im eigenen Land so machen.

Hat es lang gedauert, bis das Sprechen deine Hauptbeschäftigung geworden ist?

Das hat schon ein bisschen gedauert, etwa drei Jahre hatte ich nur sehr sporadische Aufträge, da muss man durchhalten. Das muss man sich auch leisten können.

Was ist der Vorteil als französische Sprecherin in Deutschland anstelle von Frankreich zu arbeiten?

Mittlerweile arbeiten viele Studios in Deutschland auch mit Franzosen in Frankreich, aber der Vorteil davon, wenn sie uns als hier ansässige Native Speaker buchen ist der, dass wir auch deutsch können. Wir wissen, wie hier die Abläufe sind. Dadurch ist es auch leichter Regie zu führen, da keine Sprachbarrieren vorhanden sind. Allgemein ist hier wahrscheinlich die Konkurrenz etwas geringer als wenn ich in Frankreich arbeiten würde.

Kommen deine Aufträge eher aus Frankreich oder aus Deutschland?

Das sind eher deutsche Kunden, die ihre Produkte auch in Frankreich vermarkten wollen. Ganz selten kommt aber auch der andere Fall vor.  Manchmal nehme ich auch auf englisch mit französischem Akzent auf. Vor kurzem habe ich einen Internetspot für einen australischen Kunden eingesprochen. Es sind also auf keinen Fall nur deutsche Kunden, oft kommen sie auch aus der Schweiz oder Österreich.

Und manchmal dann eben auch aus Frankreich.

Genau. Auch wenn ich seit über 15 Jahren in Berlin wohne, bin ich selbst auch sehr oft in Frankreich. Dann aber privat um Freunde zu sehen. Das ist sehr wichtig um die eigene Sprache nicht zu verlieren. Man muss das pflegen um sprachlich das gleiche Niveau wie die Sprecher in Frankreich beizubehalten.

Ist es denn für die Arbeit hier wichtig deutsch zu können?

Für die Kunden ist es einfacher. Die Aufnahme läuft schneller und unkomplizierter ab. Ich habe auch ein Gefühl dafür, wie die deutschen Kunden kommunizieren. Das ist in jedem Land ja ein bisschen anders.

Nimmst du denn auch manchmal auf Deutsch auf?

Genau, das mache ich auch öfter, gerade jetzt wo mein Deutsch ziemlich gut geworden ist. Ich habe schon alle möglichen Käsewerbungen gesprochen, da ich natürlich diesen typischen französischen Akzent habe. Als Muttersprachlerin find ich es schrecklich, wenn Deutsche das künstlich nachmachen. Das kommt gerade beim Synchron recht oft vor, aber das ist immer so klischeebeladen.

Gibt es denn so etwas wie eine Native Speaker Szene, die sich gegenseitig vernetzt?

Man kennt sich untereinander. Wir helfen uns gegenseitig, viele sind auch miteinander befreundet. Das kommt irgendwie von ganz allein. Also zumindest bei den Sprechern, die auf Dauer hierbleiben. Ich kenne aber bei Weitem nicht alle! Eine gute Sache am Sprechen, im Gegensatz zur Schauspielerei, ist, dass man sich nicht so stark auf die anderen – die Konkurrenz – konzentrieren muss und mehr bei sich selbst bleiben kann. Ich genieße diese Arbeit auf jeden Fall.

 
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